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Rudolf Erich Raspe

Wissenschaft, Kunst, Abenteuer -
Der 'Münchhausen'-Autor Rudolf Erich Raspe

Andrea Linnebach (Hg.)

164 S. mit vielen farbigen Abbildungen
Fadenheftung

 

euregioverlag 2005  ISBN: 3-933617-23-5

20,00    

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Geschichte

Wissenschaft, Kunst, Abenteuer -
Der 'Münchhausen'-Autor Rudolf Erich Raspe

von Andrea Linnebach

RaspeRudolf Erich Raspe (1736-1794) war ein Universalgelehrter von internationalem Rang - sei es in seiner Bedeutung als "erster Vulkanist" (Goethe über Raspe), als Entdecker unbekannter Leibniz-Schriften, als Pionier mittelalterlicher Quellenforschung oder als Visionär eines kulturgeschichtlichen Museums. Raspe hat seine Freunde und Zeitgenossen wie Herder, Nicolai oder Winckelmann begeistert - aber auch schockiert, hatte er doch aus der ihm anvertrauten Sammlung des hessischen Landgrafen Münzen entwendet und war nach England geflohen. Hier schuf er mit den von ihm anonym publizierten Munchausen-Erzählungen eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur. Selbst heute weitgehend unbekannt, gilt es, Raspe als eine der schillerndsten und faszinierendsten Persönlichkeiten der Aufklärungszeit wiederzuentdecken.

Weitere Münchhausen-Informationen: www.munchausen.org

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Rezension I

Rezension: Süddeutsche Zeitung vom 07.01.2006


Der Ghostwriter
Rudolf Erich Raspe - Gelehrter, Hochstapler, Münchhausen-Erfinder
Von Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel weiß jedes Kind. Weniger bekannt ist, dass nicht Gottfried August Bürger in Göttingen, sondern Rudolf Erich Raspe in Cornwall und London den legendären Lügenbaron fand und erfand. Raspe nutzte verschiedene Quellen über den begnadeten Geschichtenerzähler Hieronymus Freiherr von Münchhausen und verbreitete seit 1785 dessen Legenden unter wechselnden Titeln als "Narrative of his marvellous Travels and Campaigns". Fünf englischen Ausgaben in den ersten zwei Jahren folgten bis heute zahllose Varianten, Aneignungen und Übersetzungen. Raspe selbst aber geriet darüber völlig in Vergessenheit.
Ein reich illustrierter Aufsatzband würdigt jetzt den vielseitig begabten Professor aus Kassel, der sich 1775 Hals über Kopf nach England absetzen musste. Dummerweise hatte er die Münzsammlung des Landgrafen so akkurat katalogisiert, dass seine schamlosen Diebstähle aufflogen. Über Nacht brachten sie Raspe um all seine Verdienste. Immerhin war er da bereits als Geologe hervorgetreten, hatte als Bibliothekar in Hannover Leibniz' "Nouveaux Essais" entdeckt und ediert sowie die Gedichte Ossians dem Schotten James Macpherson zugeschrieben, schließlich als Antiquarius in Kassel zur Altertumskunde und Archäologie beigetragen. London bot zwar Sicherheit, sein Ruf war aber schwer beschädigt. Raspe flog aus der Royal Society, Benjamin Franklin und andere befreundete Gelehrte hielten auf Distanz, James Cook wollte ihn nicht auf seine dritte Weltumsegelung mitnehmen.
Als Mitübersetzer von Georg Forsters Reisebeschreibung und Berater für den Bergbau in Cornwall rappelte sich Raspe wieder auf. Handschriftenfunde und Studien zur Technik der frühesten Ölmalerei verschafften ihm die Anerkennung Horace Walpoles, der den "poor Raspe" gar aus einer Schuldhaft freikaufte. Diese und weitere Facetten des so talentierten wie hochstaplerischen Aufklärers dokumentiert der Band in anregenden Beiträgen. Ein Verzeichnis der Korrespondenz Raspes mit fast zweihundert Zeitgenossen lässt ahnen, dass die Erschließung manche Überraschung bieten könnte.
ALEXANDER KOŠENINA

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Leseprobe

Textauszug aus: Der Fall Raspe

Der Aufstieg vor dem Fall
[...]
Raspe kam 1736 in Hannover als Sohn des ersten Buchhalters am Königlichen Berghandlungs-Kontor, Christian Theophilus Raspe und der Luise Katharine, geb. von Einem zur Welt. Am 10.4.1755 als stud. jur. in Göttingen immatrikuliert, wechselte er am 5.6.1756 an die Universität Leipzig. Seine Studienzeit, die er wohl als Studium generale anlegte, beendete er wiederum in Göttingen 1760 mit dem juristischen Examen. Als 25-Jähriger kehrte er in seine Heimatstadt zurück, wo er als Schreiber, später Sekretär an der Königlichen Bibliothek angestellt wurde. In der ersten Hälfte der 1760er Jahre publizierte Raspe sogleich eine Fülle von Schriften zu unterschiedlichen Sachgebieten, die ihm in der Gelehrtenwelt einen Namen machten, vor allem die höchst wirkungsmächtige Edition bislang unbekannter Leibniz-Schriften und sein geologisches Werk Specimen historiae naturalis. Mit seiner Erst-Übersetzung der Ossian-Gedichte und der Percyschen Volkslieder aus dem Englischen ins Deutsche lieferte er wichtige Impulse für die Literatur- und Bilderwelt von Sturm und Drang und der Romantik. Für diese Jahre in Hannover lässt sich Raspes Zugehörigkeit zu den Freimaurern belegen, auch Kontakte zu Logenbrüdern in England. Später verlieren sich die Spuren aus bislang nicht zu klärenden Gründen - in Kassel scheint er sich vom Logenleben ganz fern gehalten zu haben.
Raspe pflegte bereits in dieser Zeit eine umfangreiche Korrespondenz mit Wissenschaftlern im In- und Ausland, knüpfte Verbindungen nach Frankreich, England, Holland, Dänemark und Italien. Mit Franklin diskutierte er gar eine Übersiedlung nach Amerika (Franklin riet ab!). Mit großem Einsatz betrieb er seine Berufung zum Mitglied der Royal Society in London, einer der angesehensten Vereinigungen von Gelehrten. Die Ernennung erfolgte am 1.6.1769. Zu diesem Zeitpunkt war Raspe bereits in Kassel: Durch Empfehlung des General Wallmoden, dessen umfangreiche Antikensammlung er bearbeitet hatte, gelangte er 1767 in den Dienst des hessischen Landgrafen und damit in eine glanzvolle, aufstrebende Residenzstadt. Als Professor für Altertumskunde am Collegium Carolinum und Kustos an den landgräflichen Sammlungen mit dem Titel eines "Raths", von Januar 1771 auch noch als 2. Bibliothekar an der fürstlichen Bibliothek, erfüllte Raspe seine Aufgaben mit Eifer und Ideenreichtum. Gerade im Kontrast zur Haltung des späteren Freundes Forster, der von 1779 bis 1784 eine vergleichbare Position in Kassel übernahm und der sich bitter über die Arbeitsbedingungen beklagte, hört man von Raspe nichts dergleichen. Er bemühte sich zwar, nach Berlin an den Hof Friedrichs des Großen zu gelangen, trachtete aber ansonsten eher danach, in Kassel selbst Veränderungen herbeizuführen, sei es in der Organisation des Collegium Carolinum, sei es in der Ordnung der Sammlungen oder in der Nutzanwendung seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Mit einem Jahresgehalt von 700, später gar 1000 Reichstalern war Raspe aber auch einer der am besten dotierten Kasseler Professoren. Zum Vergleich: Forster, der berühmte Weltumsegler, fing 1779 hier mit nur 450 Talern an - was aber immer noch mehr als doppelt so viel war, wie die Professoren an der Marburger Universität verdienten.
Doch hatte Raspe bereits aus Hannover Schulden in Höhe von 2500 Reichstalern mitgebracht, wie er später in seiner großen Selbstbezichtigung an den Landgrafen schrieb - auch dies eine Parallele zu Forster, der aus dem Schuldenstrudel nie herauskam. Diese großen finanziellen Probleme teilten sie freilich mit vielen Intellektuellen im absolutistischen Deutschland. An den Hof mit seiner französisch orientierten Luxuskultur gebunden, versuchte man ein standesgemäßes Leben zu führen: das bedeutete Aufwand für Kleidung und Wohnung, Entlohnung eines Dieners, Bewirtung von Gästen. Wenn Forster Kassel, das damals als eine der schönsten Städte Europas galt, für einen "theuren Ort" hielt, so pflegte Raspe freilich gerade hier einen keineswegs bescheidenen Lebensstil: Zu Ostern 1773 bezog er mit seiner jungen Familie den ersten Stock in dem neuerbauten Haus von Prof. Nahl (Abb. 5) - und wohnte an einer der besten Adressen der Stadt. Raspe lebte ganz offensichtlich über seine finanziellen Verhältnisse, wie rückständige Mietzahlungen, Schulden bei der Kasseler Porzellanfabrik, aber auch die Inventarliste seiner Wohnung samt Bibliothek zeigen: Möbel von "Mahagoni-Holtz mit vergoldetem Beschlag" sind hier verzeichnet, eine große Kollektion von Gemälden und Graphiken, Sammlervitrinen für Naturalien und Anderes, dazu eine stattliche Bibliothek. Doch zählten gerade Bücher für einen Gelehrten wie Raspe zum Lebensnotwendigen, zumal die nächste wissenschaftliche Bibliothek, die der Universität Göttingen, ja nicht alle Tage für ihn erreichbar war. Ein gewaltiger Kostenfaktor stellte auch sein Briefverkehr dar: 60 bis 70 Reichstaler (also fast ein Zehntel seines Anfangsgehalts) müsse er im Jahr für Porto ausgeben, schreibt er in einer Bitte um Gehaltserhöhung 1770. Kosten verursachte auch seine große Gastfreundschaft, die er auswärtigen Freunden und Gelehrten gewährte - der Briefwechsel zeugt davon. Ein weiteres Finanzproblem lag vor allem aber in unregelmäßigen Gehaltszahlungen. Raspe schrieb in seiner Beichte an den Landgrafen, dass durch "unrichtige und ungewiße Auszahlungen der Besoldungen" die mittleren und niederen Beamten in die Hände von Geld-Wucherern getrieben würden und so bis zu 20% ihres Gehalts durch Zinszahlungen einbüßten.
Dass der ihm anvertraute Münzschatz (Abb. 6) eine große Versuchung darstellte, liegt auf der Hand - ein Schatz, den er als Erster vollständig inventarisiert (Abb. 7) und noch dazu kenntnis- und ideenreich erweitert hatte: Denn Raspe konnte in seinem General-Etat abschließend über 500 Stück mehr auflisten, als im summarischen Übergabeprotokoll beim Beginn seiner Arbeit vermerkt worden waren. Hätte er die Münzen nicht so überaus sorgfältig katalogisiert - sein späterer Griff danach wäre nie nachweisbar gewesen.
[...]
"Gerechtigkeit" möge nun der vorliegende Sammelband auch Raspe selbst, aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner Arbeitsbereiche heraus, zukommen lassen. Ja noch ein wenig darüber hinaus: Das "halbierte Pferd" wird bezeichnenderweise gerade mit Lorbeerzweigen wieder zusammengeflickt - so sei gar "Lorbeer" hier auch seinem Erfinder vergönnt, damit er endlich heraustreten kann aus der "Nacht der Vergessenheit".

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