

Andrea Linnebach (Hg.)
164 S. mit vielen farbigen Abbildungen
Fadenheftung
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Wissenschaft, Kunst, Abenteuer -
Der 'Münchhausen'-Autor Rudolf Erich Raspe
von Andrea Linnebach
Rudolf
Erich Raspe (1736-1794) war ein Universalgelehrter von internationalem Rang
- sei es in seiner Bedeutung als "erster Vulkanist" (Goethe über
Raspe), als Entdecker unbekannter Leibniz-Schriften, als Pionier mittelalterlicher
Quellenforschung oder als Visionär eines kulturgeschichtlichen Museums.
Raspe hat seine Freunde und Zeitgenossen wie Herder, Nicolai oder Winckelmann
begeistert - aber auch schockiert, hatte er doch aus der ihm anvertrauten
Sammlung des hessischen Landgrafen Münzen entwendet und war nach England
geflohen. Hier schuf er mit den von ihm anonym publizierten Munchausen-Erzählungen
eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur. Selbst heute weitgehend
unbekannt, gilt es, Raspe als eine der schillerndsten und faszinierendsten
Persönlichkeiten der Aufklärungszeit wiederzuentdecken.
Weitere Münchhausen-Informationen:
www.munchausen.org
Rezension: Süddeutsche Zeitung vom 07.01.2006
Der Ghostwriter
Rudolf Erich Raspe - Gelehrter, Hochstapler, Münchhausen-Erfinder
Von Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel weiß jedes Kind. Weniger
bekannt ist, dass nicht Gottfried August Bürger in Göttingen,
sondern Rudolf Erich Raspe in Cornwall und London den legendären Lügenbaron
fand und erfand. Raspe nutzte verschiedene Quellen über den begnadeten
Geschichtenerzähler Hieronymus Freiherr von Münchhausen und verbreitete
seit 1785 dessen Legenden unter wechselnden Titeln als "Narrative of
his marvellous Travels and Campaigns". Fünf englischen Ausgaben
in den ersten zwei Jahren folgten bis heute zahllose Varianten, Aneignungen
und Übersetzungen. Raspe selbst aber geriet darüber völlig
in Vergessenheit.
Ein reich illustrierter Aufsatzband würdigt jetzt den vielseitig begabten
Professor aus Kassel, der sich 1775 Hals über Kopf nach England absetzen
musste. Dummerweise hatte er die Münzsammlung des Landgrafen so akkurat
katalogisiert, dass seine schamlosen Diebstähle aufflogen. Über
Nacht brachten sie Raspe um all seine Verdienste. Immerhin war er da bereits
als Geologe hervorgetreten, hatte als Bibliothekar in Hannover Leibniz'
"Nouveaux Essais" entdeckt und ediert sowie die Gedichte Ossians
dem Schotten James Macpherson zugeschrieben, schließlich als Antiquarius
in Kassel zur Altertumskunde und Archäologie beigetragen. London bot
zwar Sicherheit, sein Ruf war aber schwer beschädigt. Raspe flog aus
der Royal Society, Benjamin Franklin und andere befreundete Gelehrte hielten
auf Distanz, James Cook wollte ihn nicht auf seine dritte Weltumsegelung
mitnehmen.
Als Mitübersetzer von Georg Forsters Reisebeschreibung und Berater
für den Bergbau in Cornwall rappelte sich Raspe wieder auf. Handschriftenfunde
und Studien zur Technik der frühesten Ölmalerei verschafften ihm
die Anerkennung Horace Walpoles, der den "poor Raspe" gar aus
einer Schuldhaft freikaufte. Diese und weitere Facetten des so talentierten
wie hochstaplerischen Aufklärers dokumentiert der Band in anregenden
Beiträgen. Ein Verzeichnis der Korrespondenz Raspes mit fast zweihundert
Zeitgenossen lässt ahnen, dass die Erschließung manche Überraschung
bieten könnte.
ALEXANDER KOENINA
Textauszug aus: Der Fall Raspe
Der Aufstieg vor dem Fall
[...]
Raspe
kam 1736 in Hannover als Sohn des ersten Buchhalters am Königlichen
Berghandlungs-Kontor, Christian Theophilus Raspe und der Luise Katharine,
geb. von Einem zur Welt. Am 10.4.1755 als stud. jur. in Göttingen immatrikuliert,
wechselte er am 5.6.1756 an die Universität Leipzig. Seine Studienzeit,
die er wohl als Studium generale anlegte, beendete er wiederum in Göttingen
1760 mit dem juristischen Examen. Als 25-Jähriger kehrte er in seine
Heimatstadt zurück, wo er als Schreiber, später Sekretär
an der Königlichen Bibliothek angestellt wurde. In der ersten Hälfte
der 1760er Jahre publizierte Raspe sogleich eine Fülle von Schriften
zu unterschiedlichen Sachgebieten, die ihm in der Gelehrtenwelt einen Namen
machten, vor allem die höchst wirkungsmächtige Edition bislang
unbekannter Leibniz-Schriften und sein geologisches Werk Specimen historiae
naturalis. Mit seiner Erst-Übersetzung der Ossian-Gedichte und der
Percyschen Volkslieder aus dem Englischen ins Deutsche lieferte er wichtige
Impulse für die Literatur- und Bilderwelt von Sturm und Drang und der
Romantik.
Für diese Jahre in Hannover lässt sich Raspes Zugehörigkeit
zu den Freimaurern belegen, auch Kontakte zu Logenbrüdern in England.
Später verlieren sich die Spuren aus bislang nicht zu klärenden
Gründen - in Kassel scheint er sich vom Logenleben ganz fern gehalten
zu haben.
Raspe pflegte bereits in dieser Zeit eine umfangreiche Korrespondenz mit
Wissenschaftlern im In- und Ausland, knüpfte Verbindungen nach Frankreich,
England, Holland, Dänemark und Italien. Mit Franklin diskutierte er
gar eine Übersiedlung nach Amerika (Franklin riet ab!). Mit großem
Einsatz betrieb er seine Berufung zum Mitglied der Royal Society in London,
einer der angesehensten Vereinigungen von Gelehrten. Die Ernennung erfolgte
am 1.6.1769. Zu diesem Zeitpunkt war Raspe bereits in Kassel: Durch Empfehlung
des General Wallmoden, dessen umfangreiche Antikensammlung er bearbeitet
hatte, gelangte er 1767 in den Dienst des hessischen Landgrafen und damit
in eine glanzvolle, aufstrebende Residenzstadt. Als Professor für Altertumskunde
am Collegium Carolinum und Kustos an den landgräflichen Sammlungen
mit dem Titel eines "Raths", von Januar 1771 auch noch als 2.
Bibliothekar an der fürstlichen Bibliothek, erfüllte Raspe seine
Aufgaben mit Eifer und Ideenreichtum. Gerade im Kontrast zur Haltung des
späteren Freundes Forster, der von 1779 bis 1784 eine vergleichbare
Position in Kassel übernahm und der sich bitter über die Arbeitsbedingungen
beklagte, hört man von Raspe nichts dergleichen. Er bemühte sich
zwar, nach Berlin an den Hof Friedrichs des Großen zu gelangen, trachtete
aber ansonsten eher danach, in Kassel selbst Veränderungen herbeizuführen,
sei es in der Organisation des Collegium Carolinum, sei es in der Ordnung
der Sammlungen oder in der Nutzanwendung seiner naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse.
Mit
einem Jahresgehalt von 700, später gar 1000 Reichstalern war Raspe
aber auch einer der am besten dotierten Kasseler Professoren. Zum Vergleich:
Forster, der berühmte Weltumsegler, fing 1779 hier mit nur 450 Talern
an - was aber immer noch mehr als doppelt so viel war, wie die Professoren
an der Marburger Universität verdienten.
Doch hatte Raspe bereits aus Hannover Schulden in Höhe von 2500 Reichstalern
mitgebracht, wie er später in seiner großen Selbstbezichtigung
an den Landgrafen schrieb - auch dies eine Parallele zu Forster, der aus
dem Schuldenstrudel nie herauskam. Diese großen finanziellen Probleme
teilten sie freilich mit vielen Intellektuellen im absolutistischen Deutschland.
An den Hof mit seiner französisch orientierten Luxuskultur gebunden,
versuchte man ein standesgemäßes Leben zu führen: das bedeutete
Aufwand für Kleidung und Wohnung, Entlohnung eines Dieners, Bewirtung
von Gästen.
Wenn
Forster Kassel, das damals als eine der schönsten Städte Europas
galt, für einen "theuren Ort" hielt, so pflegte Raspe freilich
gerade hier einen keineswegs bescheidenen Lebensstil: Zu Ostern 1773 bezog
er mit seiner jungen Familie den ersten Stock in dem neuerbauten Haus von
Prof. Nahl (Abb. 5) - und wohnte an einer der besten Adressen der Stadt.
Raspe lebte ganz offensichtlich über seine finanziellen Verhältnisse,
wie rückständige Mietzahlungen, Schulden bei der Kasseler Porzellanfabrik,
aber auch die Inventarliste seiner Wohnung samt Bibliothek zeigen: Möbel
von "Mahagoni-Holtz mit vergoldetem Beschlag" sind hier verzeichnet,
eine große Kollektion von Gemälden und Graphiken, Sammlervitrinen
für Naturalien und Anderes, dazu eine stattliche Bibliothek. Doch zählten
gerade Bücher für einen Gelehrten wie Raspe zum Lebensnotwendigen,
zumal die nächste wissenschaftliche Bibliothek, die der Universität
Göttingen, ja nicht alle Tage für ihn erreichbar war. Ein gewaltiger
Kostenfaktor stellte auch sein Briefverkehr dar: 60 bis 70 Reichstaler (also
fast ein Zehntel seines Anfangsgehalts) müsse er im Jahr für Porto
ausgeben, schreibt er in einer Bitte um Gehaltserhöhung 1770. Kosten
verursachte auch seine große Gastfreundschaft, die er auswärtigen
Freunden und Gelehrten gewährte - der Briefwechsel zeugt davon. Ein
weiteres Finanzproblem lag vor allem aber in unregelmäßigen Gehaltszahlungen.
Raspe schrieb in seiner Beichte an den Landgrafen, dass durch "unrichtige
und ungewiße Auszahlungen der Besoldungen" die mittleren und
niederen Beamten in die Hände von Geld-Wucherern getrieben würden
und so bis zu 20% ihres Gehalts durch Zinszahlungen einbüßten.
Dass der ihm anvertraute Münzschatz (Abb. 6) eine große Versuchung
darstellte, liegt auf der Hand - ein Schatz, den er als Erster vollständig
inventarisiert (Abb. 7) und noch dazu kenntnis- und ideenreich erweitert
hatte: Denn Raspe konnte in seinem General-Etat abschließend über
500 Stück mehr auflisten, als im summarischen Übergabeprotokoll
beim Beginn seiner Arbeit vermerkt worden waren. Hätte er die Münzen
nicht so überaus sorgfältig katalogisiert - sein späterer
Griff danach wäre nie nachweisbar gewesen.
[...]
"Gerechtigkeit" möge nun der vorliegende Sammelband auch
Raspe selbst, aus den unterschiedlichen Perspektiven seiner Arbeitsbereiche
heraus, zukommen lassen. Ja noch ein wenig darüber hinaus: Das "halbierte
Pferd" wird bezeichnenderweise gerade mit Lorbeerzweigen wieder zusammengeflickt
- so sei gar "Lorbeer" hier auch seinem Erfinder vergönnt,
damit er endlich heraustreten kann aus der "Nacht der Vergessenheit".